Dieses Buch gefällt mir, bevor ich es überhaupt aufgeschlagen habe

Pierre Heckers Doktorarbeit steht unter dem Titel „Turkish Metal: Music, Meaning, and Morality in a Muslim Society“. Ganz nette Alliteration, aber das wirklich Interessante ist das Bild auf dem Cover darunter: Es zeigt ausgerechnet zwei Frauen in hautengen, schwarzen Metalshirts.

Jetzt will ich nicht gleich zu Anfang meiner Rezension die Genderkeule rausholen. Dass die globale Metalszene nicht nur aus Bärten besteht, hat ja mittlerweile jeder begriffen – bis auf gewisse marktführende Merchandiser natürlich, die es einfach nicht schaffen, anständige Bandshirts für Frauen rauszubringen. Trotzdem hat eine Frau auf einem Buchcover zum Thema Metal Seltenheitswert. Das einzige weitere Beispiel, das mir einfällt, ist „Heavy Metal Islam“ von Mark LeVine. Darauf lächelt nun allerdings in alter „Clash of Cultures“-Manier ein Mädchen mit sorgfältig zurechtgezupftem Glitzerkopftuch und einem wie anretuschiert wirkenden  Iron Maiden-Shirt in die Kamera. Nicht so auf dem „Turkish Metal“-Cover. Stattdessen pure, headbangende Aggression samt schwarzlackiertem, ins Publikum gestrecktem Mittelfinger – hier sind zwei Musikerinnen bei der Arbeit – Hell yes!

Hecker reserviert gleich ein ganzes – übrigens das sechste – Kapitel für die Genderfrage im Metal, dem in der Türkei eine noch größere Bedeutung als in westlichen Ländern zukommt. Auch in den anderen sechs Kapiteln des Buches lässt er immer wieder weibliche Musikerinnen und Metalfans zu Wort kommen.

Roots, bloody roots – Kapitel 1 und 2

Die Entwicklung der europäischen und der türkischen Metalszene verlief ähnlicher, als man gemeinhin glaubt. Laut Hecker schwappte schon in den 80er Jahren  die erste Metal-Welle durch die Türkei. Anfänglich noch stark von den englisch singenden Vorbildern aus Großbritannien und den Staaten geprägt, durchlief die türkische Metalszene in den kommenden Jahrzehnten  wie im Rest der Welt Phasen von ethnisch gefärbtem Metal, Thrash, Grind und Core.

Hecker versucht in diesen Kapiteln, die Besonderheiten der türkischen Metalszene herauszuarbeiten und sie gleichzeitig in den Kontext der großen, globalen Szene zu stellen, die er für tonangebend hält.

Der türkische Staatsapparat der 80er und 90er muss Heckers Meinung geteilt haben – für ihn galt Metalmusik damals als Ausdruck von Verwestlichung und Elitarismus einer verwöhnten, türkischen Oberschicht. Diese Abneigung führte schließlich – im Zuge der „moral panics“ um die Jahrtausendwende – sogar zur polizeilichen Verfolgung von Metalfans; mehr dazu in Kapitel 3 und 4.

Die Sache mit Satan – Kapitel 3 und 4 (und 1 und 2 und 7 …)

Im dritten und vierten Kapitel eröffnet sich eine der Stärken von Heckers Arbeit: Als Student der Kulturgeographie, Islamwissenschaften und internationalen Politik bleibt er nicht etwa der Entwicklung der Szene verhaftet, sondern entwickelt seine Thesen im Rahmen einer pointierten Analyse der gesamten türkischen Gesellschaft. Das wird deutlich, wenn er die Rolle Satans in der islamischen Religion erklärt (anders als im Christentum kein Gegenspieler Gottes) oder die Massenpaniken in den 90er Jahren nicht nur anhand von (szene-internen) Augenzeugen beschreibt, sondern auch populäre Zeitungskarikaturen aus dieser Zeit heranzieht.

Obwohl die Massenpaniken einen Schwerpunkt seiner Arbeit bilden, behandelt Hecker bei weitem nicht nur derartig kontroverse Themen – sondern auch Tapetrading, Geschichten von kleinen Fanzines oder die bloße Beschreibung eines Metalkonzertes in einer der wenigen Metalbars, dem Kemanci in Istanbul. Immer wieder macht er allerdings den gesellschaftlichen und daraus resultierend auch dem wirtschaftlichen Druck deutlich, unter dem türkische Metaller standen und stehen, z.B. wenn er darüber berichtet, wie national bedeutende Fanzines infolge der „moral panics“ innerhalb von Wochen bankrott gingen oder dass Männer mit langen Haaren es nach wie vor schwerer haben, Arbeit zu finden.

Meinungsmacher

Trotz der Tatsache, dass es sich hier um eine Doktorarbeit handelt, ist „Turkish Metal“ leicht und angenehm zu lesen. Hecker schlägt durchweg einen entspannten, zum Teil fast  plaudernden Ton an. Gelegentlich scheint er eine diebische Freude daran zu haben, die Überforderung der türkischen Obrigkeit mit dieser merkwürdigen Subkultur darzustellen, zum Beispiel, wenn er von der Einrichtung einer „special anti-satanist task force“ berichtet.  Auch stellt er keine Theorien auf, sondern lässt hauptsächlich seine Interviewpartner sprechen. Hier enthüllt sich eine der größten Stärken des Buches – und andererseits auch seine größte Schwäche: Zwar vermitteln die zahlreichen Interviews besser als jede Zusammenfassung ein Gefühl für die Lebenswirklichkeit türkischer MetallerInnen. Auch lässt sich gerade an der Vielzahl der Stimmen die Diversität der türkischen Metalszene ablesen, die von anatolisch gefärbtem Hard Rock über astreinen antichristlichen (!) Black Metal bis hin zu türkischem Viking Metal reicht.

Allerdings wird der Leser immer wieder mit fast identischen Aussagen konfrontiert, die zudem in den verschiedenen Abschnitten des Buches wiederholt werden. Nirgends wird das so deutlich wie im sechsten Kapitel, das sich mit der Rolle der Frau im türkischen Metal beschäftigt. Über 30 Seiten hinweg äußern sich hauptsächlich männliche Musiker über die Begriffe seref und namus (Schande und Ehre), und nach der dritten Wortmeldung weiß man nicht nur genau, wie sich die nächsten fünf Musiker äußern werden, sondern hat schon die Hauptaussage des gesamten Kapitels verinnerlicht: Seref und namus in ihrem ursprünglichen Wortsinn sind was für anatolische Kleinbauern und Turbanträger. Metal als Motor und Markenzeichen für die Moderne – diese Aussage zieht sich durch das Buch – und wirkt nirgends so aufgesetzt wie in diesem Kapitel.

Noch eine Negativanmerkung zum Thema Zitat: Der Wissenschaftlichkeit seiner Arbeit ist es vermutlich geschuldet, dass Hecker jedes der zahlreichen Zitate aus seinen Interviews direkt im Anschluss noch einmal erklärend kommentiert. Nach einer Weile wird das recht nervig, so dass man automatisch beginnt, jeden auf ein Zitat folgenden Absatz zu überspringen. Für den eher lesefaulen Metal-Interessierten hat das den Vorteil, dass sich die schon überschaubare Seitenzahl von 211 inklusive Interviewliste auf gefühlte 150 Seiten Fließtext reduziert. Von denen ist dann aber auch wirklich jede einzelne lesenswert.

Anna Wandschneider: Review zu: Pierre Hecker: Turkish Metal – Music, Meaning, and Morality in a Muslim Society, Burlington (Ashgate) 2012, in: Empress Metal Magazine (www.empress-metal-magazine).

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